Ich bekenne mich schuldig. Ein Leihvater hat mich mal in Los Angeles zum Rolling-Stones-Konzert gefahren, ganz Verständnis, ganz der gute Gastgeber.Er war ein kurzhalsiger redneck, JohnWayne-Verehrer und Hippie-Hasser. Der nichts Schöneres kannte, als sich beim Budweiser-Barbecue im Garten über die verkommene Welt zu erregen, weil die es am Ende soweit gebracht hatte, dass seine eigene Tochter mit ihrem Freund nachts über die Grenze nach Yuma verschwand, um sich in Arizona trauen zu lassen. Sie kam wieder und saß, zusammen mit dem taufrischen Ehemann, auf der Couch, und der Vater wusste seinen Zorn zu zügeln, weil in der grundverderbten Welt wenigstens er noch die Höflichkeit wahren wollte. Im Schlagschatten von Disneyland wohnte er, wo alles "so sauber" war, "so entspannt", und wo er mich ebenfalls hinfuhr, lieber als zu den Rolling Stones, den "drogensüchtigen Verrückten", die dann ein überwältigendes Konzert gaben. Was vielleicht daran lag, dass dem drogensüchtigen Keith Richards in Kanada lebenslange Haft drohte. Jedenfalls geht das Verständnis dafür zu weit. Die Kluft zwischen den Generationen darf nicht einfach überbrückt werden. Zumindest bei der Musik sollten sich Kinder noch von ihren Eltern unterscheiden. Verständnis für den krausen Geschmack der Kinder ist peinlich, und nichts ist peinlicher als Mütter, die stolz berichten, wie sie mit ihrer minderjährigen Tochter zum (schon etwas länger her) Konzert von Guns N' Roses nach London geflogen sind, vermutlich in einem Uschi-Glas-Outfit mit aufgepauster Drachen-Tätowierung über dem rechten Schulterblatt. Ich meine, geht's noch? Wenigstens in der Musik möchte man sich unterscheiden und nicht verstanden werden. Was einmal aus der Musicbox kam, war laut und terroristisch und keine Freude für die Erwachsenen, die damit nichts anfangen konnten. Die Eltern wollten den Krach nicht im Haus haben, weshalb die Nesthockerei, dass man also die Nachfolge Jesu wörtlich nimmt und das Vaterhaus nicht vor dem dreißigsten Lebensjahr verlässt, auch erst viel später aufkam, mit dem Jugendzimmer und dem eigenen Fernseher und der eigenen Musikklangwolke, die sich aufs Geschmacksvollste ins Wohnungsambiente einfügte. In diesem Kuschelquartier sitzt der bedauernswerte junge Mensch heute, wird von seinen verständnisvollen Eltern kundig nach den neuesten Entwicklungen auf dem Musikmarkt befragt und bei jeder Gelegenheit mit den allerneuesten technischen Gimmicks beschenkt. Schön für ihn und doch nur traurig. Wird er doch nie jene mythischen Zeiten erleben, als aus der Juke-Box und dem Transistor "In-A-Gadda-Da-Vida" wummerte oder "Up And Around The Bend" oder, ganz selten, "God Save The Queen" von den Sex Pistols, und sich alles über den infernalischen Lärm beklagte. Selbst in kryptoschwulen Schneidermagazinen wie GQ wird inzwischen das seltsame Jubiläum "30 Jahre punk" seitenweise gefeiert, als wär's die neue Herbstmode mit Labels vorn und hinten drauf. Kann man ja auch verstehen, wo sich Neues nicht mehr verkaufen lässt, wo die Musik einfach nicht genug nachliefert, um die immer billigeren Abspielgeräte am Laufen zu halten. Erst neulich wieder, im Flugzeug: Vater und Sohn beim selben iPod eingestöpselt, einträchtig dieselbe Musik hörend, dabei sich halblaut austauschend über die Qualität von 50 Cent und Missy Elliott. Die Welt, ich sag's euch und bloß einmal, diese verkommene Welt, sie geht dann bald am allzu großen Verständnis unter. Foto: rtr
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